Das Wetter und seine Tücken

Immer mal wieder werde ich gefragt, ob mir denn dieses oder jenes Wetter überhaupt etwas ausmacht. Da ich doch zum Beispiel den grau verhangenen Himmel gar nicht sehen kann, könnte es mir doch egal sein.
Kann es das wirklich, muß man das Wetter sehen, um es wahrzunehmen?

Das Lieblingsthema der Deutschen. Immer wieder auch ein gern gewählter Gesprächsinhalt, wenn einem sonst nichts zum reden einfällt. „Reden über das Wetter“, steht auch als Synonym für den Austausch von Belanglosigkeiten. Aber, ist das aktuelle Wetter wirklich belanglos?

Ich glaube nicht. Das Wetter ist nichts, dass nur passiv im Hintergrund so mitläuft. Es ist ein ganz aktives Geschehen, an dem wir alle Tag für Tag teilhaben müssen / dürfen. Wetter ist immer und es hat ganz unterschiedliche Facetten.

Abhängig vom Wetter

Während ich diesen Beitrag hier schreibe, zeigt sich das Wetter da draußen vor meinem Fenster gerade von einer sehr schönen, wenn auch kalten Seite. Die Sonne lacht von einem total blauen Himmel – das mit dem ‚blau‘ habe ich mir sagen lassen, die Sonne sehe ich selbst noch. Die Temperatur von 2 Grad plus, empfinde ich persönlich für einen Morgen Ende April jedoch als ein bißchen zu kühl. Generell ist dieser April mir viel zu kalt und verregnet. Aber, über die Sonne heute bin ich schon sehr froh. Ich bin nämlich sehr sehr wetterfühlig, ja, ich möchte fast sagen, ich bin total abhängig von den aktuellen Wetterbedingungen. Auch und vielleicht sogar gerade, wenn ich es nicht sehen kann.

Glücklicherweise sind wir Menschen nicht nur mit dem Sehsinn ausgestattet. Wir nehmen ja noch über ganz viele andere Sinne Dinge und Situationen wahr.
Die Wärme der Sonne kann man spüren, Kälte und Regen auch. Wind bläst einem ins Gesicht, zerzaust einem die Haare und macht mich persönlich ab einer gewissen Stärke immer etwas schwindelig im Kopf. Naja, ich bin eben keine gebürtige Norddeutsche, die sind andere Windstärken gewöhnt.

Ab 25 Grad fange ich an zu leben

Auch bei blinden Menschen kann dunkles graues Wetter häufig schlechte Stimmung, Niedergeschlagenheit und Müdigkeit auslösen. Ich selbst kann Licht und Schatten zwar noch wahrnehmen und bekomme so eben auch mit, ob wir draußen helles oder dunkles Wetter haben. Einzelheiten wie dicke Wolken und einen richtig zugezogenen Himmel nehme ich aber auch nur als Dunkelheit wahr.

Dafür machen die Wärme und Helligkeit der Sonnenstrahlen mich glücklich. Wenn wir dazu dann noch richtig warme Temperaturen haben, blühe ich auf. So ab 25 Grad plus und aufwärts fange ich erst richtig an zu leben.

Ein Dach über dem Kopf

Es gibt aber auch Situationen, in denen mich das Wetter als nicht Sehende vor enorme Schwierigkeiten stellt. Starker Regen zum Beispiel ist wirklich eine Herausforderung, wenn man mit einem Blindenstock bewaffnet draußen herumlaufen muß. Zum Einen sind die Umgebungsgeräusche viel lauter. Der Geräuschpegel von Autos steigt auf nassen Straßen um ein vielfaches an. Dadurch wird die Orientierung über das Gehör schonmal deutlich schwieriger.

Muß man dann aber auch noch entweder eine Kapuze oder sogar einen Schirm tragen, wird es richtig anstrengend.
Das ist dann ein bißchen so, als würde Euch, den Sehenden, jemand die Augen verdecken. Nicht komplett zuhalten, aber Ihr seht dann alles nur verschleiert, könnt kaum etwas richtig klar erkennen.
So schirmt eine Kapuze die Ohren ab, verkleinert den Hörradius quasi. Auch ein Schirm verändert die Akustik. Für mich hört es sich dann immer so an, als hätte ich ein Dach über dem Kopf. Der reflektierende Schall, der einem das Umgebungshören überhaupt erst ermöglicht, kann sich nicht mehr so ausbreiten, fängt sich unter dem Schirm und verhindert damit das differenzierte Hören. Vereinfacht gesagt heißt das, man verliert leicht die Orientierung.

Einen nicht von der Hand zu weisenden Vorteil hat so ein Schirm aber: Man kann sich nicht mehr so leicht irgendwo den Kopf stoßen, zunächst stößt dann der Schirm daran. Und auch vor den spitzen Stäben der Schirme der lieben mitmenschen ist man mit einem eigenen Schirm besser geschützt. So kann einem auch niemand seinen Schirm ins Auge bohren.

Unterm Schnee begraben

Bei Schnee werden die Umgebungsgeräusche leiser, Schnee dämpft und macht die Welt immer ein bißchen stiller. Mal davon abgesehen, dass ich Kälte nicht mag und sie mich irgendwie lähmt, mag ich es sehr, wenn alles klingt, wie in Watte gepackt.

Aber auch der Schnee stellt uns Blinde vor nicht geringe Schwierigkeiten. Man läuft dann ja auf einem veränderten Untergrund. Dadurch sind mögliche Orientierungshinweise wie markante Stellen im Asphalt oder Rasenkanten buchstäblich unterm Schnee begraben, Übergänge vom Bordstein zur Straße sind plötzlich niedriger oder ganz weg.

Häufig wird zwar gesträut, so dass die Hauptwege besser zugänglich sind. Aber auch das kann manchmal hinderlicher sein, als wenn man den Schnee einfach liegen ließe. Denn, nicht immer ist so ein Weg gerade und regelmäßig gestreut, sodaß man unvermutet vor einem beiseite gefegten Schneeberg steht und suchen muß, wo es denn weiter geht. Oder, man will eine Straße überqueren und steigt, auf der anderen Straßenseite angekommen, erstmal in einen ebenso riesigen Schneehaufen, nicht wissend, wo eine freie Stelle sein könnte, bevor man auf dem gestreuten Teil des Bürgersteigs landet.

Jeder Sehende sucht sich mit den Augen die Stellen, die leichter zugänglich sind. Wir können das so nicht und merken eben erst was los ist, wenn wir schon drinstehen. Auch die Orientierung mit dem Blindenstock, das hin- und herpendeln, ist bei Schnee nicht einfach, häufig bleibt man auch mit der Stockspitze im Schnee hängen.

Spießrutenlauf bei schönem Wetter

Jetzt wollen wir aber nicht nur das schlechte Wetter schlecht machen, auch Wärme und sonnenschein stellen einen Blindgänger vor Herausforderungen.
Verantwortlich hierfür sind diesmal allerdings eher die Menschen, die, verständlicherweise, alle verrückt nach Schönwetter sind. Vor allem in den Städten macht sich das richtig bemerkbar. Sobald die Temperaturen so sind, dass man sich draußen aufhalten möchte, platzen die Außenbereiche der Straßencafés und Restaurants aus allen Näten.

Überall stehen Tische und Bänke auf dem Bürgersteig und an jedem Pfosten, der sich auch nur irgendwie eignet, sind Fahrräder befestigt. Dazwischen eine ganz schmale Gasse, durch die die Fußgänger sich schlängeln. Da wird ein blind walk auch häufig zum Spiesrutenlauf. An dieser Stelle muß ich aber ehrlich zugeben, dass auch ich zu den Menschen gehöre, die sehr gern draußen vor einem Café sitzen und die Sonne geniessen.

Wie man es dreht und wendet

Hier im Norden gibt es ein Sprichwort das besagt, es gibt nicht das falsche Wetter, es gibt nur die falsche Kleidung. Da kann ich als Sonne und Wärme abhängiger Mensch so nicht mitgehen, das mag aber dennoch manch einer so empfinden. Mir persönlich ist das Wetter, auch, wenn ich es nicht sehen kann, aber jedenfalls ganz und gar nicht gleichgültig und ich wünsche mir von Herzen, dass der Frühling sich so langsam dann doch mal einstellt und der Sommer sich dies Jahr, auch hier oben im Norden, mal von seiner schönsten Seite zeigt.

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