Nichts als Klischees, zum Glück!: Sat1-Krimi mit blinder Hauptdarstellerin

Schnüre im Schlafzimmer und stalkende Freunde: In „blindes Vertrauen“ kämpft eine blinde Frau um ihre Unabhängigkeit. Die TV-Episode strotzt nur so vor Klischees. Und gerade deswegen bleibt sie enorm hart an der Realität.

Blinde spielen keine Rolle. Das gilt in der Gesellschaft genauso wie für ihr Spiegelbild, den Film. Natürlich erscheinen immer mal wieder Kinofilme über Blinde. Aber bis auf ganz wenige Ausnahmen greifen die Regisseure lieber auf sehende Schauspieler zurück und trainieren sie blind. Statt authentischer Blindheit ein prominentes Gesicht mit dunkler Brille – mehr Blindheit findet nicht statt. Im Kino nicht, und im deutschen Fernsehen schon gar nicht. Ein „echter“ blinder Darsteller im Mainstream-TV? Undenkbar!

Die Mail, die mir an diesem Märzmorgen in den Posteingang flattert, wirkt auf mich daher wie ein Paukenschlag: „Spannender SAT1-Krimi mit blinder Hauptdarstellerin“ ist da zu lesen. Gleich mehrere Worte in einem Satz, die für mich bisher unvereinbar schienen.

Endgültig neugierig werde ich als ich lese, um welche „blinde Schauspielerin“ es eigentlich geht: Saskia Welty, heute Sozialarbeiterin in München. Moment, den Namen kennst du doch! Aber klar, Saskia kenne ich ja flüchtig aus der Zeit, als wir beide noch in Marburg wohnten. Tja, die Blindenwelt ist klein.

Natürlich kommt die Mail zu spät. Der Film ist schon letzte Woche gelaufen. Aber sie enthält einen Link auf ein Video. Bevor ich mir das Video anschaue, recherchiere ich aber erst noch etwas über die Hintergründe.

Sieht aus wie echt, ist aber gespielt

Beim Titel des Films muss ich schon seufzen: „Blindes Vertrauen“. Gut, vielleicht sind die Wortspiele rund um Blindheit inzwischen abgegrast.

Wenn ich über einen spannenden Krimi lese, denke ich persönlich erstmal an einen Tatort oder ähnliches in Spielfilmlänge. Das ist „blindes Vertrauen“ mit Sicherheit nicht. Dieser „Krimi“ lief an einem Montag um 17 Uhr. Kein Sendeplatz für Filme von 90 Minuten, sondern für halbstündige Nachmittagsserien mit großzügigen Werbeunterbrechungen.

Bei „blindes Vertrauen“ handelt es sich um eine 25minütige Episode aus der Reihe „Verdächtig – Detektei Wolloscheck deckt auf“. Ein sogenanntes Scripted-Reality-Format. Das heißt, es soll der Eindruck erweckt werden, die Kamera fängt wie in einer Dokumentation reale Geschehnisse ein. Was man aber tatsächlich sieht sind Laiendarsteller, die nach einem genau festgelegten Drehbuch spielen.

Nein, ich bin nicht frei von Vorurteilen. Und genau die kommen jetzt hoch. Ich denke an Trash-Fernsehen, an Big Brother und Gerichts-Shows, an kopfschütteln und fremdschämen. Aber nur kurz. Denn dann wird mir klar, wie viele Nachmittage ich selbst früher mit dem Jugendgericht und Angelika Kallwass verbracht habe. Also, keine Überheblichkeit. Du weißt was dich erwartet, du kennst die Vorgaben und Grenzen dieser Art von TV und du willst jetzt endlich wissen, was Saskia draus gemacht hat.

Mit diesem Vorsatz starte ich den Film und erlebe eine ungewöhnliche halbe Stunde. Schwierigkeiten beim Verfolgen der Handlung habe ich keine, denn da ist die sonore Stimme aus dem Off, die wie in einer Doku das Geschehen kommentiert und zusammenfasst.

Plötzlich überall Schnüre

Die blinde Musiklehrerin Vivien Lindner kommt eines Abends in ihre Wohnung. Doch die vertraute Umgebung hat sich verändert, und zwar gefährlich. Durch ihr Schlafzimmer spannen sich plötzlich Schnüre. Jemand muss bei der alleinlebenden Blinden eingebrochen sein. Wer will ihr schaden? Dass soll ein Detektivteam herausfinden.

Die Ermittler treffen auf eine selbstbewusste junge Frau. Saskias markante Stimme, hart aber trotzdem klangvoll, passt für mich perfekt zu ihrer Rolle. Besonders schön zu hören, wenn sie ihren sehenden Freund abkanzelt. Der bespitzelt sie nämlich – auch mit illegalen Mitteln – und macht sich damit schonmal verdächtig.

Während die Detektive Vivien durch ihren Alltag begleiten, tauchen natürlich die obligatorischen Fragen auf: Wie gehen Blinde einkaufen? Wie unterscheiden sie Geldscheine? Für Sehende liefert das Filmchen darauf kurze, knackige Antworten, sehr schön in die Geschichte verpackt.

Für mich ist das nichts neues. Bei mir bleibt viel eher die Idee mit den Schnüren hängen, die sich plötzlich durch die vertraute Wohnung spannen. Ein tolles Bild, finde ich. Mit solchen Schnüren habe ich täglich zu kämpfen, drinnen und draußen. Jeden Tag werden sie neu gespannt, ohne dass jemand dafür erst bei mir einbrechen müsste. Eine geniale Metapher, ich glaube jeder Blinde kennt diese Schnüre. Und oft genug spannen die sich auch durchs Schlafzimmer.

Eine Welt aus Klischees

Viviens Freund bleibt nicht der einzige Verdächtige. Und natürlich kann Vivien in ihrem Wohngebiet keinen Schritt tun, ohne mit ihrem weißen Stock gleich an das nächste Klischee zu stoßen. Neben ihrem Stalker-Freund ist da der Nachbar der findet, Blinde hätten in einer normalen Wohngegend nichts verloren. Und natürlich ihre überbehütende Mutter, die Angstzustände bekommt, sobald sich Vivien mal einen Tag nicht meldet. Natürlich sind auch die Ermittler klischeehaft, wie sie jeden neuen „Blindentrick“ bestaunen, den Vivien ihnen vorführt.

Also nur wieder ein Film, der die alten Klischees über Blinde aufwärmt? Ehrlich gesagt nein. Denn genau an den üblichen Blindenklischees – Blinde sind hilflos, bemitleidenswert und einsam – arbeitet sich der Film eben nicht ab. Im Gegenteil: Was er präsentiert sind Sehende in Klischeerollen. Ein Film ohne Klischees wäre für dieses TV-Format auch gar nicht möglich, denn das ganze Konzept der geskripteten Realität basiert auf der Ausschöpfung stereotyper Bilder.

TKKG-Erfinder Stefan Wolff wurde mal gefragt, warum er in seinen Geschichten immer auf Klischees setzt, auf böse „Rocker“, „Penner“ usw.. Seine Antwort: „Weil oft an Klischees viel wahres dran ist.“ Bisher habe ich das für einen der dümmsten Sätze überhaupt gehalten. Aber auf „blindes Vertrauen“ bezogen muss ich ihm leider zustimmen. Die intoleranten Nachbarn und überbehütenden Eltern sind keine Ausnahme, sie sind die Regel.

„blindes Vertrauen“ liefert eine geballte Ladung Klischees, und doch erkenne ich jeden Typus davon aus meinem eigenen Leben wieder. Und zwar nicht über-, sondern untertrieben. Wenn das Klischees sind, dann leben wir in einer Welt, einer Gesellschaft von Klischees. Und vielleicht ist so ein Format nicht die schlechteste Möglichkeit, diese unsichtbaren Schnüre sichtbar zu machen.

Wie Saskia selbst das sieht und wie es sich für sie angefühlt hat, als Blinde vor der Kamera zu agieren, darüber erzählt sie euch an dieser Stelle demnächst mehr in einem Interview.

Übrigens: Auch in Scripted Reality ist immer noch Platz für eine Dosis Humor und Selbstironie. Irgendwann sehen wir die Schule, in der Vivien als Musiklehrerin arbeitet. Charmante Idee, diese Sequenz ausgerechnet mit [dieser Scheißmelodie zu unterlegen.

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