Kinderradio OHRENBÄR nur noch digital – Ein Einschläferungsversuch?

Große und kleine Ohren aufgesperrt und hingehört bei der aktuellen Debatte um die Zukunft des Kinderradios im öffentlich-rechtlichen Radioprogramm des NDR und des RBB! Der NDR scheint im Zuge von Sparmaßnahmen bereits zu Ende diesen Jahres sein (ohnehin schon überschaubares) Kinderradioprogramm einschränken und insbesondere die Sendungspartnerschaft mit dem RBB aufkündigen zu wollen. „OHRENBÄR“ – Radiogeschichten für kleine Leute“ würde damit aus dem linearen Programm gestrichen. Ein Gastbeitrag von Marie Lilli „Mali“ Beckmann.

Im Norden hat diese Nachricht im Sommer in der Presse und auf social media-Plattformen sogleich Wellen geschlagen. Ein Offener Brief seitens mehr als 50 Autor*innen wurde an den Intendanten des NDR, Joachim Knuth, geschrieben, zudem die Petition „RETTET DEN OHRENBÄR!“
gestartet, die sich an den Leiter des Radioprogramms von NDR Info, Joachim Feuerbacher, sowie Joachim Knuth wendet und zur Unterstützung aufruft.

Die „OHRENBÄR“-Sendung besteht seit über 30 Jahren und wird täglich um 19.05 Uhr auf RBB 88.8 und um 19.50 Uhr auf NDR Info ausgestrahlt. Die allabendliche Gute-Nacht-Geschichtensendung für Kinder entstand als Gemeinschaftsproduktion von RBB, WDR und NDR. Der WDR ist zu Beginn dieses Jahres aus der Partnerschaft ausgetreten zugunsten seines neuen, vom Kinderfernsehen auf das Kinderradio übergreifenden Formats „Die Sendung mit der Maus – zum Hören“. An dieser Entwicklung lassen sich beispielhaft Veränderungen mit tiefgreifenden Konsequenzen für die Hörkultur in Deutschland beobachten.
Und darüber muss gesprochen werden.

Es geht um die Radiohörer*innen von morgen

Die momentane Diskussion beinhaltet eine zunehmende Entwicklung des Kinderradioprogramms vom linearen, d.h. Live-Ereignis im Radio, hin zum ausschließlich digitalen Angebot. Die Sendung „OHRENBÄR – Radiogeschichten für kleine Leute“ ist bereits ein langjähriges Podcast-Angebot zum Nachhören, jedoch „lebt“ solch eine Sendung von ihrer Aktualität im linearen Radio ebenso wie z.B. die Tagesnachrichten oder aktuelle Feature- und Hörspiel-Produktionen für Erwachsene.

Insbesondere kleine Kinder werden durch ihre Eltern an ein entsprechendes Radioprogramm herangeführt, indem Sendungen für die Kleinen gleichberechtigt neben denen der Großen gesendet und so als gemeinsames Familienradio gehört werden können. – Es geht hier um die Radiohörer*innen von morgen, um eine gelebte Hörkultur in diesem Land in der Zukunft.

Radio hören – ein geliebtes Ritual

Kultur- und Kunsterleben ist heute eine analoge wie auch digitale Erfahrung. Wir gehen in ein Theater- oder Opernhaus und erleben dort eine einmalig aufgeführte Inszenierung, möchten Autorinnen live bei einer Lesung zuhören und besuchen Konzerte von Musikerinnen.

Beim Hören einer Kinderradiosendung wie dem „OHRENBÄR“ erleben Kinder ein Programm, das sowohl linear als auch digital verfügbar ist. Die Erstausstrahlung oder Ursendung ist das spannende, prickelnde Live-Erlebnis am Radiolautsprecher oder den Kopfhörern, das flüchtig ist und im Moment erfahren wird, während das digitale Angebot der gleichen Sendung zu jeder Zeit abrufbar ist. Was unbestritten praktisch ist, besonders wenn man die Live-Sendungsausstrahlung einmal verpasst haben sollte.

Doch dem digitalen Hörangebot, das nur noch in der Audiothek zu finden ist, fehlt beim Hören das Empfinden von (Tages-)Aktualität im Vergleich zum linearen Hörangebot. Auf der einen Seite können Hörer*innen so zu ihren individuellen Zeiten die Inhalte nutzen, jedoch verlieren sie damit auch das Gefühl, Teil einer Live-Hörgemeinschaft zu sein. Oder sie verpassen die Chance, dass die Sendung durch das tägliche Hören zu einer bestimmten Uhrzeit zu einem geliebten Ritual wird.

Digitaler Rückschritt

Wer mit der zunehmenden Digitalisierung groß geworden ist, weiß um so mehr auch ein „analoges Leben“ zu schätzen, in das man bewusst digitale und analoge Aktivitäten einbindet und auch zuweilen bewusst von einander trennen möchte. Das Arbeiten im „Home Office“ oder das „Home Schooling“ während der Wochen des Lockdowns zur Eindämmung der Coronapandemie in diesem Frühjahr hat uns allen verdeutlicht, wie viele Vor- und Nachteile die Digitalisierung – aber auch das Analoge – bereithalten. Sie schließen einander nicht aus. Wir benötigen beide.

Das Argument der Digitalität wird mit Blick auf die Gestaltung des Kinderradioprogramms der öffentlich-rechtlichen Sender als Fortschritt ins Feld geführt, jedoch ist es als reines digitales Angebot mehr als ein Rückschritt, da ihm die Aufmerksamkeit des linearen, aktuellen Programms vorenthalten wird. Das ist das Fatale an den Sparmaßnahmen für das NDR-Kinderradioprogramm, sollten sie durchgesetzt werden.

Kinderleicht für jeden? Eher nicht!

Hier knüpft sich jedoch grundsätzlich die Frage nach der ausreichenden User-Freundlichkeit der Audio-/Mediatheken der deutschen Funkhäuser im Internet an. Und damit verbunden auch die Frage nach einem funktionierenden Marketingkonzept für ein ausschließlich digitales Kinderradioprogramm: Wie einfach oder kompliziert sind die Suche nach digitalen Kinderradioangeboten und die Zugänglichkeit der digitalen Kinderradioprogramme für Familien aller Bevölkerungsschichten? Wie wird das Interesse von zukünftigen Hörer*innen – d.h. bei Kindern: die Aufmerksamkeit ihrer Eltern – für das digitale Angebot geweckt?

Zudem gibt es im Umgang mit Audiotheken das Phänomen, dass sie zwar eine Masse an Material zur Verfügung stellen, jedoch wirken sie auch wie ein unendlich weites, schwer überschaubares Archiv. Sodass die Auswahl für die Nutzer*innen schnell sehr mühevoll werden kann, da ältere Produktionen oft neben den neuesten stehen oder erst eine Recherchetätigkeit erfolgen muss. Kindgerechte Inhalte kinderleicht auffinden? Bei den aktuellen Onlineangeboten ist es höchst fraglich, ob das auch nur im Ansatz funktionieren kann.

Hingegen nimmt ein tagesaktuelles Programm im Radio den interessierten Hörerinnen und Hörern das Suchen und Auswählen ab. Es garantiert, das Neueste zu senden. Und sollte ein Schatz aus dem Archiv als Wiederholungssendung laufen, so wurde diese Entscheidung mittels der Expertise der Programmmacher*innen getroffen; das kann keine Archivsuchmaschine, die mit Stichwortfunktion arbeitet, ersetzen.

Toggo: Privatsender entdecken das Kinderradio

Dieser bereits begonnenen Entwicklung der Umwandlung von linearen Kinderradioangeboten in rein digitale Angebote der Öffentlich-Rechtlichen und der damit einhergehenden Tendenz zum Verschwinden oder Verkleinern der langjährig etablierten Kinderfunkangebote steht die entgegengesetzte neue Entwicklung des privaten Senders RTL konträr gegenüber. Super RTL startete in diesem Jahr den Kinderradiosender Toggo Radio. Es bietet per Webstream und ab Oktober 2020 bundesweit über DAB+ ein Radioangebot für Kinder, eine Kombination aus Live-Moderation, Hörspielen, kindgerechten Wissensbeiträgen und Musik.

Erkennt hier ein privater Sender, wie wichtig für Kinder das Live-Erlebnis im Radio ist? Und sieht sich zugleich mit seinem Internet-Stream auf der Höhe des digitalen Zeitalters, da dies aktiv Sendeplätze schafft, anstatt lediglich Archivmaterial anzubieten?

Kleine Geschichten von großen Stimmen

Die Traditionssendung „OHRENBÄR“ steht für ebenso unterhaltsame wie niveauvolle Geschichten im Kurzhörformat und als Serie. Die kleinen Hörerinnen lauschen dabei vor dem Einschlafen den großen professionellen Stimmen der deutschen Sprecherinnenlandschaft, die ihnen Texte von bekannten Autorinnen und Autoren vorlesen. Und ganz nebenbei fördert Zuhören lernen die Konzentrations- und Kommunikationsfähigkeit von Kindern, Geschichten erzählt zu bekommen lässt sie das Gehörte empathisch mitfühlen, wirft bei ihnen wichtige Fragen zu allen Bereichen des Lebens auf und regt ihre Fantasie an.

Der „OHRENBÄR“ trägt seit vielen Jahren zu einer gelebten gemeinsamen Hörkultur des einst geteilten Deutschlands bei. Da Kinderradio immer auch ein generationsübergreifendes Familienradio darstellt, ist das Hörkulturangebot der „OHRENBÄR“-Sendung prägend, bildend und verbindend über mehrere Generationen hinweg. Ihr gebührt nach wie vor ein Sendeplatz im linearen wie auch im digitalen Radioprogramm des öffentlich-rechtlichen Funks. Wie wollen die Öffentlich-Rechtlichen ihre Existenz begründen, wenn sie ihre eigene Zukunft – die Kinder von heute – mit Missachtung strafen?

Zur Autorin

Marie Lilli Beckmann, Jahrgang 1991, nach dem Studium der Theaterwissenschaft (B.A.) in Mainz und der Philosophie (M.A.) in Frankfurt/M. studiert sie derzeit
Medienkunst/Mediengestaltung an der Bauhaus-Universität in Weimar. Neben dem Studium arbeitet sie als freie Mitarbeiterin für die Feature- und Hörspielabteilungen
der ARD.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.