Futter für die Spirits: Unterwegs mit einer blinden Straßenmusikerin

Carmen stellt sich mitten in die Stadt und singt. An guten Tagen verdient die blinde Frau damit oft mehrere hundert Euro. Nur mit ihrer ausdrucksstarken Stimme. Und mit einer Art von Musik, wie man sie sonst nirgendwo hört. Ich habe Carmen einen Nachmittag lang bei ihrer Straßenmusik begleitet. Eine Audio-Reportage über den Sound der Großstadt und die Rhythmen der Natur. Nicht zuletzt die Geschichte einer starken, selbstbewussten Frau, die sich das Singen nicht verbieten lässt.

An Carmens Klappstuhl klebt ein Kaugummi. „Egal wo ich mich aufstelle“, ärgert sie sich, „immer treffe ich genau in so ein Ekelding rein. Da muss Zauberei im Spiel sein.“

Das blanke Aluminium der Stuhlbeine schabt über den heißen Asphalt. Auf das Kaufhausvordach unter dem wir stehen knallt die Sonne. Es riecht wie man es in der Fußgängerzone einer Großstadt erwarten kann: Eine Mischung aus den Ausdünstungen von Schuhgeschäft, Supermarkt und Menschen. Eine barsche, fränkisch gefärbte Männerstimme schimpft darüber, was die Leut‘ alles in die Gegend schmeißen. Schreiende Kinder, ein vorbeischnurrendes Fahrrad, und immer wieder Schritte eiliger Passanten.

Carmen setzt sich. Ihr Stuhl knarzt, die Sitzfläche hängt durch. Und dann fügt sich unvermittelt ein Klang in die Stadtkulisse, bei dem nun wirklich Zauberei im Spiel sein muss.

Schon nach wenigen Wiederholungen habe ich die Melodie im Ohr. Ich ertappe mich dabei, wie ich leise den Takt mitklopfe. Und nicht nur mich fängt Carmens Stimme ein. Die ersten Leute bleiben stehen, kurzzeitig aus dem Konzept gebracht von dieser jungen Frau mit den langen, mahagonybraunen Haaren, die ganz unbekümmert drauf los singt. Die Fußgängerzone wird für einen Augenblick zum mittelalterlichen Marktplatz. Ihre Straßenmusik macht Carmen aber nicht nur aus Spaß an der Freude. Schon werden die ersten Münzen in das Körbchen geworfen, dass Carmen als stilvolle Sammelbüchse dient.

Nicht nur das Weidenkörbchen ist ein Blickfang für die Passanten. Auch der dicke Ordner, den Carmen auf den Knien hält, erweckt Neugier. Darin sind die Texte zu all ihren Liedern abgeheftet. Doch beim singen blicken ihre Augen nie auf das Blatt. Carmen liest mit den Fingern. Sie ist blind. Ihre Texte hat sie in Braille abgetippt: Eine Blindenschrift aus tastbaren Punkten, die mit den Fingerkuppen erfühlt wird. Nicht alle Lieder kann Carmen auswändig. Dazu ist ihr Repertoire viel zu umfangreich.

Die Straße ist kein Konzertsaal, kein Tempel musikalischer Perfektion. Bleibt Carmen in einem Lied mal hängen, stört das niemanden. Sie setzt einfach neu an, und schon die nächste Gruppe im Menschenstrom bekommt den Fehler nicht mehr mit. Die Straßenmusik ist für Carmen auch ein Raum zum üben und sich ausprobieren. Gekleidet ist sie dabei ganz normal: Unauffällige Straßenklamotten, luftig und bequem. Gerne würde sie mal etwas ausgefalleneres anziehen, einen indischen Sari zum Beispiel. Aber das traut sie sich noch nicht, wie sie verschämt zugibt. Aber einfach loszusingen, ohne jede Begleitung und mitten in der Stadt, das traut sie sich.

Carmen singt aber nicht nur A Cappella. Regelmäßig greift sie in ihren Rucksack und fördert Instrumente zu Tage: Vor allem Trommeln und Rasseln in verschiedensten Formen. Ich merke schnell: Die Instrumente sind für Carmen keine bloßen Gegenstände; sie beschreibt sie mir eher als Wesen mit eigener, ausgeprägter Persönlichkeit.

Carmens Hunger nach Wissen beschränkt sich nicht nur auf die Musik. Ob Archäologie, Botanik oder Mythologie – sie ist ein wandelndes Lexikon. Ihre Interessen sind universell, sie zeigt sich belesen und intelligent – aber studieren wird sie wohl nie. Das hat gesundheitliche Gründe. So viel darf ich schreiben: Carmen weiß nie genau, ob sie am nächsten Tag in der Lage sein wird, ihre Wohnung oder überhaupt nur ihr Bett zu verlassen. Auch einen festen Job hat sie mit Anfang 30 noch nicht gefunden. Als wir uns später bei ihr zu Hause gegenübersitzen erzählt sie mir, warum sie stattdessen zur Straßenmusik gekommen ist.

Dieses phänomenale Gefühl hat sie nicht mehr losgelassen. Bevor wir uns heute getroffen haben, hat sie schon den ganzen Vormittag durchgesungen. Bis zu sechs Stunden am Stück kann Carmen an einem Tag mit ihrer Musik unterwegs sein. Saison für Straßenmusik ist das ganze Jahr. Besonders gut läuft es natürlich an Weihnachten. Aber auch an sommerlichen Tagen wie heute zahlt sich ihr Einsatz aus. Immer wieder höre ich die Glöckchen an Carmens Weidenkörbchen klingeln.

Die Münzen und Scheine aus dem Körbchen bringt Carmen mehrmals am Tag in Sicherheit. Eine blinde Straßenmusikerin, darin sehen manche Leute vor allem eines: Eine leichte Beute.

Doch so ein versuchter Diebstahl war bisher zum Glück die Ausnahme. Viel öfter hat Carmen positive Begegnungen mit Menschen, die sich einfach freuen, wieder mal ihre Stimme zu hören.

Man weiß nie genau, wo man Carmen in der Stadt trifft. Jede halbe Stunde muss sie als Straßenmusikerin den Platz wechseln, das ist Vorschrift. Inzwischen ist Carmen längst stadtbekannt. Ladenbesitzer in der Nähe bringen ihr oft Tee und etwas zu essen vorbei.

Carmens Stimme ist schon ein wenig heiser. Kein Wunder, sie singt ja schon seit heute Vormittag. In den Pausen zwischen den Liedern greift sie jetzt öfter zur Wasserflasche. Auch ich trinke einen Schluck, um den pappigen Geschmack des Cheeseburgers wegzuspülen, den ich vorhin am Bahnhof noch schnell verdrückt habe. Jetzt liegt er mir bleischwer im Magen. Irgendwie ist er das genaue Gegenteil zu Carmens Musik. Die genießt man auch als musikalischen Snack im Vorbeigehen. Nur dass ich bei Carmens Stimme das Gefühl habe, gerade in ein ofenwarmes, selbstgebackenes Brot zu beißen.

In ihrer Musik löst Carmen alle Grenzen auf. Ganz anders als die moderne Großstadt das tut, in der sich alles chaotisch vermischt und übertönt. Carmens Musik ist der Schlüssel in eine harmonische Gegenwelt: Eine uralte, zeitlose Welt, die trotzdem immer jung und präsent bleibt. Carmen spielt Stücke aus einem Zeitraum von über 800 Jahren und kennt dabei auch keine sprachlichen Grenzen.

Hier zu stehen und Carmens Liedern zu lauschen ist für mich wie eine akkustische Reise. Vom milden schwedischen Frühling entführt sie mich in den leidenschaftlichen spanischen Sommer.

Hinter dem Herzschlag der Großstadt macht Carmen den Rhythmus der Jahreszeiten hörbar. Eigentlich seltsam, dieser Tag Anfang Juni, denke ich. Heiß wie im Hochsommer, aber die Luft schmeckt noch halb nach Frühling. Ich selbst spreche weder schwedisch noch spanisch. Es sind allein die Melodien, die mich unter dem tristen Kaufhausvordach an Natur denken lassen. Nur eine ausdrucksstarke Stimme kann das schaffen. Mit ihrer Gesangslehrerin versucht sich Carmen immer wieder an neuen Spielarten des Singens. Obertongesang fasziniert sie genauso wie eine traditionelle Gesangstechnik aus Finnland.

Auf der anderen Straßenseite hat sich eine Gruppe Punks niedergelassen. Aus einem Kofferradio rotzen raue Gitarrensounds. Carmen bleibt gelassen. „Die übertöne ich schon“, sagt sie. Und tatsächlich. Als sie ihren Joik beendet, ist es still. Carmen hingegen ist nicht so leicht zum verstummen zu bringen – auch wenn das gewisse Menschen immer wieder versuchen.

Lieder von Sonne und Mond, Geschichten von selbstbewussten Frauen – in Carmens Musik steckt auch eine tiefe spirituelle Botschaft. Bekehren oder gar missionieren will sie damit aber keinen. Die Natur drängt sich nicht auf, sie ist einfach da. Auch mitten in der Stadt. Vor jeder neuen Musik-Session verstreut Carmen ein Pulver um sich herum. „Das ist Wacholder“ erklärt sie und schüttet mir etwas davon in die Hand. Es riecht süßlich und leicht nach Wald. Ich frage, warum sie den geriebenen Wacholder ausstreut. „Futter für die Spirits“, gibt sie zur Antwort. Spirits können Geister sein, wie Schutzengel oder Krafttiere. Das Wort „spirits“ meint aber auch die Lebensgeister: Die positive Energie, die uns durch den Tag bringt. Und die werden bei mir sofort geweckt, als Carmen zu ihrer Rassel greift.

Ich wäre nicht böse um ein paar Regentropfen. Die Luft ist inzwischen feucht-schwül wie in den Tropen. Doch zunächst regnet es Münzen. Klingelnd fallen sie in den Weidenkorb. Und plötzlich habe auch ich einen 5-Euro-Schein in der Hand. In den Augen dieses Passanten gehört der blinde Reporter wohl ebenfalls zur musikalischen Show. Wenigstens habe ich jetzt eine gute Überleitung für eine besonders heikle Frage.

Musik auf der Straße zu machen sei nichts für jeden, sagt Carmen, während sie ihre Instrumente zusammenpackt. „Sich hinstellen und singen, im öffentlichen Raum quasi, das kostet Überwindung und fordert Selbstvertrauen.“ Außerdem müsse man etwas bieten, was man nicht sowieso schon an jeder Ecke zu hören bekommt. Meine Ohren sind inzwischen etwas übersättigt von den vielen verschiedenen Melodien und Sprachen. Carmen klappt ihren Stuhl ein, ich stecke mein Aufnahmegerät in die Tasche. Keine Sekunde zu früh. Exakt als wir das Vordach verlassen bricht er los: Der Regen. In dicken, schweren Tropfen prasselt er auf uns herab. Jetzt fehlen nur noch die Wüstenblumen, die aus dem Asphalt hervorbrechen. Untergehakt rennen wir durch den warmen Wolkenbruch, auf direktem Weg zum nächsten Taxistand. Je schneller wir laufen, umso wilder fühlt sich der Tanz der fallenden Tropfen auf meiner Haut an. Fast wie eine Antwort, denke ich. Jetzt singt die Natur ihr Lied für Carmen.

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